Den Ranzen in die Ecke
und mit dem RadI
zum Orgeln nach Vils

Anton Waibel ist seit bald 65 Jahren Organist in Weißensee

Von Arno Späth; AZ; Füssener Blatt;  18. Feb 2006

Weißensee Der Oktober 1941 ist Anton Waibel in Erinnerung, als wär's erst gestern gewesen:
Weil im Dritten Reich dem Lehrer Josef Hengge das Orgelspiel in der Kirche verboten war und die „Ersatzorganisten" Josef Schneider und Rupert Waibel in den Krieg ziehen mussten, durfte der kleine Bub in der Pfarrkirche St. Walburga den Organistendienst übernehmen.
Inzwischen ist „der kleine Bub" 74 - und spielt in Weißensee seit bald 65 Jahren bei jedem Anlass die Orgel.
Auch am morgigen Sonntag um 9 Uhr beim Festgottesdienst zum Patrozinium.

Da wird er wieder die Tasten der zwei Manuale streicheln und den Pfeifen der elektrisch gesteuerten Orgel die schönsten Klänge entlocken. „Die Orgel ist kolossal vielseitig und ein interessantes Instrument", erzählt Waibel. Ihre Möglichkeiten „kann man fast nicht ausschöpfen". Die Orgel von St. Walburga ist im vergangenen Oktober 50 Jahre alt geworden. Beim Kirchweihfest spielte Waibel nach dem Segen des Pfarrers den Schlusssatz der f-moll Phantasie von Mozart. „Das war grandios", erinnert sich das Mitglied der Kirchenverwaltung, Josef Schneider: „Die Leute blieben nach der Messe in der Kirche sitzen und freuten sich an der Musik."

Anton Waibel winkt nach solchen Lobeshymnen lieber ab, übt Selbstkritik: „Das war an der Grenze meines Könnens." Erlernt hat er es nicht von heute auf morgen. „Man muss immer üben", erzählt der Organist. Das wissen und schätzen auch interessierte Bürger und Gäste. Steht nämlich Waibels Auto auf dem Parkplatz bei der Kirche, dann wissen sie: Jetzt spielt er wieder Orgel. Sie gehen hinein und hören ihm zu. Um nicht ständig den Weg von seinem Haus in Hubmannsegg zur Kirche nehmen zu müssen, kaufte sich Waibel eine Orgel fürs Üben zu Hause.

Ein glücklicher Zufall

"Selbst a bissle was angeeignet" hat er sich schon als „Schualerbua". Er klimperte daheim auf dem Klavier und dem Harmonium herum. Bis er „durch einen glücklichen Zufall" den Franziskanerpater Gregor vom Kloster in Reutte kennen lernte. Der Anton durfte vorspielen, der Pater erkannte sein Talent: „Auf den kommt's nimmer an, der kann zum Unterricht kommen." Pater Gregor lehrte in der Kirche in Vils seinen Schülern das Orgelspiel. Nun war Anton Waibel nicht mehr zu bremsen: heim von der Schule, den Ranzen sofort in die Ecke gestellt, nauf aufs Radl und ab über den Alatsee nach Vils. „Den Grundstock hab' ich von Pater Gregor bekommen", blickt Waibel dankbar auf die Zeit seiner Anfänge als Organist zurück. „Die Bezahlung für den Unterricht übernehmen wir", unterstützte der damalige Weißenseer Pfarrer Sebastian Scheitle das Talent. Und in den großen Ferien durfte der Bub in Vils und in Reutte üben. Beide Orgeln hatten einen elektrischen Blasebalg, „ich brauchte niemand zum Treten".

Aus dem Buben wurde der Landwirt Anton Waibel, später der Mitarbeiter der Standortverwaltung in Füssen - und der Organist der Pfarrkirche St. Walburga.
 „Der Toni war immer da, ob zu feierlichen, festlichen oder traurigen, schmerzlichen Anlässen", erzählt Josef Schneider. Auch in jener Christmette, als in Waibels Stall eine Kuh kalbte: Die Nachbarn halfen, damit Waibel nicht in den Stall musste, sondern orgeln konnte.

Er behandelt die Kirchenorgel wie sein Eigentum. Vor gut 50 Jahren hatte in St. Walburga die alte Orgel ausgedient. Eine Neue wurde gekauft. Weil sie größer war, musste im Chorbereich die äußere Bruchsteinmauer ausgebrochen und durch eine dünnere Wand ersetzt werden. Über die damaligen Kosten ist in den Unterlagen der Kirchenverwaltung nichts zu finden. Fest steht aber, dass die Weißenseer im Frondienst im Pfarrwald Buchen geschlagen, sie zu Scheitholz gespalten und verkauft haben, um einen Teil der Kosten der Orgel zu finanzieren. Das Kirchweihfest 1955 war für den Waibel Anton wie Weihnachten: Die alte Orgel war schrill und hart im Klang, jetzt spielte er zum ersten mal auf der Neuen. „Sie klingt viel weicher", beschreibt er den Unterschied.

Bis Ende der 1990er Jahre war Anton Waibel nicht nur Organist in Weißensee, sondern fast ein Vierteljahrhundert auch Chorleiter: Er saß an der Orgel und dirigierte von hier aus den Chor. Das macht er auch heute noch, zum Beispiel bei Beerdigungen. Nicht aber am morgigen Sonntag beim Patrozinium.
Beim Festgottesdienst wird wird die Orgel Solo-Messe „missa brevis" mit Chor und Orchester aufgeführt. Die Leitung liegt in den Händen von Ingrid Heckenstaller.


Foto: Arno Späth (Aus der Zeitung gescannt)

Anton Waibel behandelt die über 50 Jahre alte Orgel der Pfarrkirche in Weißensee wie sein Eigentum. Seit bald 65 Jahren ist er der Organist von St. Walburga. Auch am Sonntag beim Festgottesdienst zum Patrozinium wird erdie Orgel spielen.