Text und Bild: Andrea Schauerte; AZ; Füssener Blatt; 26. Jan. 2006

Ein Schatz für alte Menschen

Aus Spenden: „Weihnachtsgeld" für Sozialhilfeempfänger 
in den Altenheimen der Stadt Füssen

Füssen (rea). Prinzessin Christa von Thurn und Taxis, Präsidentin des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) brauchte an Weihnachten genau 2211 Euro und hat sie auch bekommen. Nicht für sich, sondern für die 67 Sozialhilfeempfänger in den drei Füssener BRK-Häusern St. Michael, St. Martin und Bürgerspital. 
Grund für die Spendenaktion - wir berichteten - war die Tatsache, dass der Bezirk Schwaben allen betroffenen Senioren die 33 Euro „Weihnachtsgeld" gestrichen hatte, die sie zusätzlich zum Taschengeld von 88 Euro pro Monat einmal im Jahr bekamen.

Die Prinzessin brachte die 2211 Euro zusammen - dank vieler kleiner und einiger größerer Spenden, unter anderem vom Bürgerverein Füssen-West. 
Für die betroffenen Heimbewohner und die Heimleiter Christina
Engelhardt (St. Michael) sowie Peter Hartmann (St. Martin) wurde der Tag der Spendenübergabe deshalb wirklich ein Freudentag. „33 Euro sind für uns selbst nicht so viel, aber für diese Menschen ein Stück grundsätzliche Lebensqualität", so Christa von Thurn und Taxis.

„Armut vor der Haustür" nennt sie die Situation dieser Senioren.

Zitat:

Ein Sozialhilfeempfänger im Heim ist einfach ein Stück weit ausgegrenzt. Doch das ist die Armut vor unsere Haustür, die oft übersehen wird.

Prinzessin Christa von Thurn und Taxis, 
Präsidentin des Bayerischen Roten Kreuzes

Noch besser kennen die Heimleiter die Sorgen, die Ängste dieser Menschen und können zahlreiche Geschichten erzählen. Vieles, zum Beispiel Drogerieartikel, versuchen die Häuser aus eigenen Mitteln vorzuhalten. Dennoch sind die 88 Euro weniger als wenig, wenn man sieht, was die Senioren dafür alles bestreiten müssen.

Christa von Thurn und Taxis weiß aus Erfahrung, das eine solche Einzelaktion für die „Armen vor der Haustür*' nicht reicht. Sie appelliert deshalb an die Bürgerinnen und Bürger, das ganze Jahr über zu helfen in einer Art Sozialfonds.

Spenden können auf die Konten des 
1 BRK Füssen unter dem Stichwort „Bedürftige Senioren" eingezahlt werden 
bei der Sparkasse Allgäu (BLZ 73350000) Konto 240013433 
oder bei der Volksbank (BLZ 73491300), Konto 817.


Dank der Spendenaktion von Prinzessin Christa von Thurn und Taxis
 können die Heimleiterin Christina Engelhardt (links) und Peter Hartmann 
ihren bedürftigen Senioren die 33 Euro Weihnachtsgeld nachträglich schenken.

88 Euro werden irgendwie 
schon einen Monat reichen

Fiktive Geschichte, wie sie real in jedem Altenheim passiert  Von Andrea Schauerte

Dies ist eine fiktive Geschichte, doch Menschen wie Klara S. gibt es viele. Es sind die „neuen Armen". Und was wir Klara S. erleben lassen, haben andere in Wirklichkeit erlebt und erleben es jeden Tag neu.

Klara S., 83, lebt seit fünf Jahren im Pflegeheim. Als junges Mädchen half sie in der elterlichen Landwirtschaft. Im Krieg heiratete sie, nach dem Krieg kam der einzige Sohn zur Welt. Klara S. ging im Bild der Frau dieser Nachkriegszeit auf - kümmerte sich um Haushalt, Kind und Schrebergarten. Was der Vater als Arbeiter verdiente, reichte der kleinen Familie, die stets zur Miete wohnte. Der Sohn wuchs heran, arbeitete in der gleichen Fabrik wie der Vater, heiratete und wurde selbst Vater. Nach dem Tod ihres Mannes lebte Klara S. allein in der Wohnung und widmete viel Zeit ihren beiden Enkeln. Sie hatte sparen gelernt und kam so auch mit der Witwenrente von knapp 800 Euro klar.

Dann verschlechterte sich der Gesundheitszustand von Klara S. Sie konnte nicht in der Wohnung bleiben, beim Sohn und seiner Familie war kein Platz für die Oma. So entschloss sie sich, ins Altenheim zu gehen. Doch für die Kosten von knapp über 2000 Euro in Pflegestufe I reichte die Rente nicht. Es fiel der Familie sehr schwer, zum Sozialamt zu gehen und die finanziellen Verhältnisse offen zu legen. Ergebnis dieser Prüfung: Klara S. wurde zur Sozialhilfeempfängerin in einer stationären Einrichtung - eine deprimierende Bezeichnung für eine Frau wie sie, die sich ihr Leben lang nichts zuschulden kommen ließ und niemals Schulden machte.

Das ist ein Glück für Klara S., denn einige ihrer Mitbewohner im Heim müssen von den 88 Euro Taschengeld, die ihnen pro Monat zustehen, auch noch alte Schulden abzahlen. Da ging es Klara S. noch gut, sie hat ein schönes Zimmer mit eigenen Möbeln und brauchte nicht mehr kochen. Ab und zu leistete sie sich eine Tafel Schokolade, ein Stück Kuchen.

Wegen ihres Augenleiden bestellte sie die Zeitung ab. Fernsehen kann sie noch, muss dafür aber nur deshalb keine Gebühren zahlen, weil sie 50 Prozent behindert ist. Einmal im Monat muss Klara S. zum Augenarzt, zahlt Praxisgebühr und Taxi. Zwar hat sie sich von den Zuzahlungen zu den Medikamenten befreien lassen. Doch die Augentropfen, die ihr am besten helfen, zahlt die Kasse nicht.

Dann stand ein Besuch in der Augenklinik in Augsburg an. Klara S. fuhr mit dem Taxi und abends gleich wieder zurück. Hätte man sie dort über Nacht behalten, hätte die Kasse die Taxikosten von 349 Euro bezahlt. So aber bleiben diese Kosten bei Klara S. hängen. Woher nehmen bei 88 Euro im Monat? Welch ein Glück, dass die Heimleitung Brillen von verstorbenen Heimbewohnern sammelt und Klara S. eine genau in ihrer Stärke fand, als die eigene zerbrach ...

Die 83-Jährige überlegt nun, ob sie die Fußpflege diesen Monat streicht und sich von den Pflegerinnen nur ganz normal die Fußnägel schneiden lässt. Auch auf den Friseur wird sie verzichten. Sie muss ja nicht aus dem Haus. Den kleinen Beitrag für den Heimausflug kann sie sich jetzt sowieso nicht mehr leisten, geschweige denn Kaffee und Kuchen.

Sie will nicht betteln bei ihrem Sohn, der mit seiner Familie gerade so über die Runden kommt und ihr zu Weihnachten einen neuen Pullover geschenkt hat. Der Pulli muss ein paar Jahre halten - wie der Wintermantel vom Sozialamt. Die 30 Euro, die noch auf dem Taschengeldkonto sind, wird sie deshalb sparen für die Taxi-Schulden. Und nächsten Monat gibt es ja wieder 88 Euro.